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Vanishing Point wird zu Grenzpunkt Null

In der DDR bekam Vanishing Point eine volkseigene Synchronisation und wurde vom VEB Progress-Filmverleih am 5.11.1975 in die Kinos gebracht. Regisseur der Synchronfassung war Johannes Knittel, Sprecher sind mir nicht bekannt. Nachfolgend gebe ich den Text aus einer Progress-Broschüre vom Oktober 1975 wieder, deren Inhalt mir von einem netten Archivar übermittelt wurde. GP0 wurde unter der Rubrik "Filme des Monats" vorgestellt. Der Artikel ist naturbelassen, zitiert mit allen Irrtümern. (siehe auch: DDR Filmplakate und DDR Filmwerbung)


Filme des Monats

Grenzpunkt Null
(Vanishing Point)
Produktion: Cupid-Productions, Hollywood, 1971
Das Drehbuch: Guillermo Cain nach einer Idee von Malcolm Hart
Regie: Richard C. Sarafian
Kamera: John A. Alonzo
Darsteller: Barry Newman > Kowalski, Cleavon Little > Super Soul, Dean Jagger > Schlangenfänger, Goldgräber, Victoria Medlin > Vera, u.a.
Deutschsprachige Fassung: VEB DEFA-Studio für Synchronisation
Regie: Johannes Knittel
(Farbe, Breitwand, ca. 2400 m, 107 min, P14)

 


Kurzinhalt: 

Kowalski, einst Soldat in Vietnam, dann Polizist, danach Autorennfahrer, überführt nun schnelle Wagen von Denver im US-Staat Colorado in die Hände ihrer Käufer. Am Steuer eines hochgezüchteten Autos zu sitzen, das gibt ihm das Gefühl völliger Ungebundenheit. Er fühlt sich frei von den Zwängen der Gesellschaft, in der er leben muß und wo stets andere mächtiger sind als er. Davonrasen zu können, sich allen Zugriffen zu entziehen, das verschafft ihm Befriedigung. Er glaubt, Fesseln zu sprengen. So fällt es dem Aussenseiter nicht schwer, eine Wette abzuschließen: In 15 Stunden will er in San Francisco sein. Um durchhalten zu können, putscht er sich mit Drogen auf und rast los. Bald fällt seine besessene Fahrt den Polizisten auf. Sie jagen ihm nach. Er hängt sie ab. Die Verfolgung wird nun raffinierter organisiert. Kowalskis Verfolger bilden ein Rudel, das von einem Hubschrauber aus geleitet wird. Es gelingt, "das Wild" in die straßenlose Wüste zu jagen, aus der es noch nie ein Entrinnen gab. Doch Kowalski findet Helfer: Der Moderator einer kleinen örtlichen Privatfunktstation, der den Polizeifunk abgehört hat, verrät ihm, dem "letzten Helden Amerikas", die Positionen und Absichten der Polizisten, gibt ihm Ratschläge. In der Wüste trifft Kowalski einen Schlangenfänger, der ihm den Weg weist. Die Verzückten einer Gesundbetersekte sympathisieren mit ihm, tätige Unterstützung findet er bei einem Hippiepärchen. Allein, es ist umsonst. Die Falle seiner Verfolger schließt sich. Kowalski, an den Nullpunkt gelangt, rast mit Vollgas auf zwei mächtige Bulldozer.
 


Zum Film:

Autoamok mit Fragezeichen
 
Der Film "Grenzpunkt Null" bietet dem Zuschauer vieles von dem, was er gern sieht: Aktion, eine kriminalartige Geschichte, Milieu, das an den Western erinnert. Hinzu kommen allerdings jugendliche Typen, wie sie die kapitalistische Gesellschaft hervorgebracht hat: Hippies, Anhänger der Jesus-Welle, Rauschgifthändler, das nackte Mädchen, das sich anbietet, Polizeibüttel, dazu die Pop-Musik.
 
Im Film geschieht kaum etwas anderes als eine Amokfahrt durch drei US-Bundesstaaten. Der Held der Geschichte ist ein Mann namens Kowalski. Er putscht sich mit Drogen auf und schließt eine Wette ab, nach San Francisco zu fahren, in einer Zeit, die selbst mit seinem frisierten Auto nicht zu schaffen wäre. Die Polizei wird auf den Rasenden aufmerksam. Aus einer harmlosen Verkehrskontrolle entwickelt sich die Polizeijagd ganzer Stäbe mit allen Mitteln der Technik.  
 
Kowalskis Jagd hat keinen Sinn. Sie soll ihm lediglich die Genugtuung geben, besser zu sein als seine Verfolger. Im rasenden Rausch fühlt er sich frei. Die Randtypen, denen er begegnet, sind ein Stück von ihm, oder aber sie sehen in ihm einen Mann, der es wagt, die Freiheit, seine Freiheit, eine Außenseiter-Freiheit, öffentlich zu bekunden. Sie sehen in ihm einen Mann, der mehr "Mut" hat, als sie selbst. Deshalb sind ihm einige behilflich, ohne ihm und sich wirklich helfen zu können. Dieser Film ist nach Hollywood-Rezept gefertigt, will aber mehr sein. Offensichtlich möchten ihn seine Hersteller als Symbol verstanden wissen, als ein Symbol für den Teufelskreis, aus dem die Jugend US-Amerikas nicht herausfindet. Dafür sprechen einige, äußerst knappe, nicht sofort deutbare Erinnerungsfetzen des Kowalski. Er war Rennfahrer. Erfolglos. Mit der Raserei hat er zunächst wesentlich mehr Erfolg. Mit List und fahrerischem Geschick schüttelt er immer wieder seine Verfolger ab. Dabei geht er, wenn es sein muß, über Leichen. Das hat er in Vietnam gelernt. Da er kaum darüber spricht, nur über Narben, die noch schmerzen, soll der Zuschauer spüren, was in diesem Manne vorgeht, der eine gescheiterte Jugend hinter sich hat, die sich auch nicht bessern konnte, als er Kriminalpolizist wurde. Hier wurde ihm sein Gerechtigkeitssinn oder einfach die Ritterlichkeit zur Frau zum Verhängnis. Auch das zählt zu seiner Jugend: eine Liebe, die sich nicht erfüllte, nicht erfüllen konnte.


So gibt dieser Film Fragen auf, Fragen, die für manchen erst deutlich werden, wenn er nach dem Filmbesuch über das Gesehene nachdenkt. Soll diese Wahnsinnstat ein Aufschrei sein? Soll er träges Denken jugendlicher Zuschauer in seiner Welt aufrütteln, in der dieser Film entstand? Er fragt sich, ob ihm das möglich ist. Es ist positiv zu vermerken, daß "Grenzpunkt Null" mit einigen Erscheinungen konfrontiert, mit Zuständen im Leben und Denken, mit falschen Zielen und Verhaltensweisen eines Teils der Jugend in den USA der siebziger Jahre.
 
Wenn der Film auch vieles nur andeutet, mehr Fragen stellt, als beantwortet, dafür aber Spannung bietet: das Ende dieser Raserei durch die Wüsten Amerikas zeigt, daß das Schicksal solcher Einzelgänger kaum anders sein kann. Heute machen sie Schlagzeilen, sind willkommene Figuren in der öffentlichen Meinungsmache, morgen schon sind sie vergessen.
 
Nach Hollywood-Rezept gefertigt, aber doch eine reale Welt, Randerscheinungen zeigend, kann auch dieser Film dazu beitragen, ein realistisches Amerikabild zu vermitteln.
 
Kowalskis Autoamok ist eine Flucht aus der Vergangenheit und Gegenwart, aber ohne Ziel. Der Mann will seine Stärke beweisen und scheitert an seiner Schwäche.
 
Richard C. Sarafian, der Regisseur dieses Films, war 36 Jahre alt, als er ihn inszenierte (1971). Er besaß bereits zahlreiche Erfahrungen im Filmgeschäft, so als Journalist, als Dokumentarist, Szenarist und Regisseur, vor allem beim Fernsehen. 1964 erschien sein Kino-Film "Andy", später "Run Wild – Run Free". Neben "Vanishing Point" ("Grenzpunkt Null") kam 1970 auch "Man in the Wilderness" heraus.


Pressemater 1

(Foto: Kowalski rechts neben dem Schlangenfänger, der die Benzinkanne hält)
Auf seinem Weg quer durch die Staaten am Steuer eines dahinrasenden Autos begegnet Kowalski (Barry Newman, r.) auch einigen Leuten, die ihm helfen wollen, ihn vor der verfolgenden Polizei zu schützen. Unter ihnen der eigenwillige Schlangenfänger (Dean Jagger, l.). "Grenzpunkt Null" drehte der amerikanische Regisseur Richard C. Sarafian. Foto: Progress 

Pressemater 2

(Foto: Sandy, links, weist mit der Hand auf den Chally; K steht rechts neben ihm)
Kowalski (Barry Newman, r.) will eine zweifelhafte Heldentat begehen: eine Wette verpflichtet ihn, in 15 Stunden Tausende Kilometer in seinem Wagen zu absolvieren. Am Ende erreicht er den "Grenzpunkt Null", die Seifenblase zerplatzt. Den gleichnamige amerikanischen Film drehte Regisseur Richard C. Sarafian. Foto: Progress 

Pressemater 3

(Foto: links Kowalski und Charlotte am Tresen eines Kiosks (?) blicken zum Verkäufer, rechts, auf)
Vera (Victoria Medlin), das Hippiemädchen aus der verlassenen Hütte am Rande der Landstraße, gehört zu jenen Helfern, die Kowalski (Barry Newman) vor der ihn verfolgenden Polizei schützen wollen. "Grenzpunkt Null" (Regie: Richard C. Sarafian) gibt ein realistisches Amerikabild. Foto: Progress
 
Autor: R.H.


Bisher unbekanntes Bild mit Kowalski und Charlotte Rampling als Anhalterin im Gespräch mit einem Verkäufer. Einfach ein Schnappschuß vom Set, oder eine geschnittene Szene?