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Gedanken zum Film

Bei gewissen Dingen besteht die Gefahr, sie zu zerreden, wenn man sie zu intensiv analysiert. So ist es wahrscheinlich auch hier. So mag also jeder für sich entscheiden, ob er meine Betrachtungen lesen will oder nicht. Soviel als Warnung.


Überdosis 

Spielt Rauschgift in diesem Film eine entscheidende Rolle? Oder anders gefragt: Hättest Du den Film anders empfunden, wenn Kowalski sich nicht öfter “Speed” eingeworfen hätte? Nach meiner Einschätzung geht es mehr um die Analogie zwischen dem Begriff Speed an sich und Kowalskis Reisegeschwindigkeit. Ich jedenfalls fühlte mich nie versucht, irgendwelche Drogen zu nehmen. Im September 2003 berichtete ein Mitglied der VP-Fangroup aus eigener Erfahrung über Speed:
 
"WHITES", "WHITECROSSES", "BENNIES", "BEANS", "UPPERS", "UPS", meinen alle dasselbe, nämlich das Amphetamin "BENZEDRINE", ein Aufputschmittel, welches dich solange wach hält, wie Du es kontinuierlich schluckst. Das geht so weit, bis das Herz wegen Übermüdung aussetzt. Sie verändern den Gemütszustand, machen euphorisch, nervös und du willst alles ganz schnell machen, auch schnell sprechen. Während des Trips braucht man weder Essen noch Trinken.
Nach dem Hoch kommt das Tief und der Stoff macht unglaublich depressiv und trocknet den Körper aus. Wie bei jeder Droge ist die Abhängigkeit extrem und wenn man nicht nachlegt, ist das Tief nach dem Trip zehnmal so schlimm, wie der der Trip gut war. Das Schlimme ist, daß man die Dosis bei jedem neuen Trip immer weiter erhöhen muß, um auf das Niveau des vorhergehenden Hochs zu kommen. “Im Sommer 1973 war ich mal sieben Tage hintereinander ‘am Draht’. Nachts raste ich hellwach mit meinem kleinen Honda über Landstraßen, so schnell die Kiste lief. Ich aß und trank die ganzen Tage überhaupt nicht. Ich wog nur noch 52 kg und nach dieser Woche schlief ich, rauchte Haschisch, oder aß. Aber meistens schlief ich. Glücklicherweise habe ich diesen Lebensstil die letzten 30 Jahre nicht durchgezogen. Ich bin mir sicher, daß mich die Überdosis von irgendwas oder ein verrückter Unfall umgebracht hätten. Danke Gott dafür!!!”


Assoziationen 

Wenn man über einige der im Film verwendeten Namen und Begriffe genauer nachdenkt, kommt man zu erstaunlichen Beziehungen: 

  • Challenger = engl. Herausforderer (des Schicksals, der Polizei)
  • weißer Challenger = Farbe der Unschuld
  • Speed = Aufputschmittel & Geschwindigkeitsrausch; 15 Stunden von Denver bis Frisco ohne besonderen Grund, aus einer Laune heraus
  • SuperSoul = der telepatische Führer Kowalskis und der Radiohörer, Guru und Messias der Popmusik
  • Vera wurde beim Surfen von einer Welle verschlungen. Kowalski fährt auf die Bulldozer zu und erkennt, daß deren gewölbte Schilde ebenfalls wie eine Welle auf ihn zukommen. Er wird sich von ihnen verschlingen lassen und wieder mit Vera vereint sein.

Beziehungskisten

Wohl weil der Film in einem atemberaubenden Tempo abläuft, unglaublich effektiv geschnitten wurde und die Jagd im Mittelpunkt steht, entgehen einem Betrachter vielleicht gewisse Beziehungen zwischen den Handelnden, die sich erst nach mehrmaligem Ansehen erschließen.


Die Cops sind eigentlich gar nicht so böse. Sie haben K nichts vorzuwerfen, ausser, daß er ein bißchen schnell unterwegs ist. Sie tun ihre Pflicht, indem sie ihm hinterherfahren und hoffen, daß er möglischst bald im nächsten Bundesstaat und damit aus ihrem Zuständigkeitsbereich verschwunden ist. Wenn nur dieser verbissene Streber nicht wäre: Charlie, der jüngere der beiden Nevada Highway Patrol Cops. Der haßt K nun wirklich. K verletzt wohl seinen Stolz, weil jener frei und Charlie dazu verdammt ist, den ganzen Tag irgendwo in der Wüste Nevadas am Straßenrand rumzulungern und auf Verkehrssünder zu lauern. Und dann kommt K, sein personifiziertes Feindbild. Charlie verstößt mehrfach gegen eindeutige Befehle, die er über Funk erhält, wird durch den Challenger von der Straße gedrängt, hetzt die Männer auf, Radio KOW zu überfallen, schägt Super zusammen, sitzt im Hubschrauber, der K in der Wüste sucht, wartet natürlich auch in Cisco an der letzten Sperre. Alles nur, um K zu stellen. Als dieser dann an der Sperre sein Leben gelassen hat, schlendert Charlie Kaugummi kauend umher und ich frage mich: Fühlt er Befriedigung, weil er seinen gekränkten Stolz wiederhergestellt, oder Leere, weil er etwas völlig Sinnloses getan hat? Für mich ist Charlie der direkte Gegenspieler Kowalskis.

Sein älterer Kollege ist einfach nur müde. Er tut nur seine Pflicht, steht in der Shell Tankstelle und blickt resigniert dem vorbeifliegenden Hubschrauber nach. Mögen andere doch diesen erstaunlichen Kowalski jagen!


Die namenlose Motorradfahrerin in der Wüste. Nennen wir sie Gilda. Sie trifft völlig unverhofft und aus heiterem Himmel ihr Idol, ergreift die Chance und bietet sich ihm an. Dieser lehnt natürlich ab, denn er ist ja der moralisch makellose Held. Eine Minute später erkennt er, welche Bedeutung er für Gilda spielt. Aber zu spät, die Situation ist verfahren, keine Chance mehr auf ein Happy End mit glücklicher Gilda und beendeter Pechsträhne, auf ein sinnerfülltes Leben.

Oder steckte Vera ihm noch zu tief in den Knochen? Fühlt er sich auf ewig schuldig, weil er sie nicht daran gehindert hat, im Winter zu surfen? Ist er überhaupt nur auf der Flucht vor den Schatten aus seiner Vergangenheit; Unfällen und Verlusten?

Eine andere Deutung ist folgende: In der Geschichte trifft Kowalski ja zuerst auf Gilda und danach auf die Anhalterin, die als Sinnbild des Todes betrachtet wird. Und wirklich: Gilda Texter, blond, nackt, lebensbejahend, versus Charlotte Rampling, geheimnisvoll, düster. Und was macht Kowalski? Lehnt das Leben ab und läßt sich mit dem Tod ein. Nach dieser Theorie hatte er in dem Augenblick verspielt, als Charlotte bei ihm einstieg. Beide Seiten waren verführerisch. Er hatte die Wahl. 


Ein ebenfalls kurzer, aber intensiver Moment ist der Abschied vom Schlangenfänger. Mir drängt sich das Gefühl auf, daß K seinem Vater gegenübersteht. Die beiden haben etwas gemeinsam, sie leben ihr Leben - oberflächlich betrachtet - mit einer gewissen Freiheit: K im permanenten Geschwindigkeitsrausch auf den unendlichen Geraden durch den amerikansichen Südwesten und der Schlangenfänger im Frieden mit sich selbst und inmitten seiner geliebten Wüste. Ihre Wege kreuzen sich im Nirgendwo wie die Reifenspuren von Kowalskis Challenger. Der Schlangenfänger sieht einer ungewissen Zukunft entgegen, weil Reverend J. Hova (sprich: JeHova) seine Schlangen nicht mehr braucht und was mit K passiert, wissen wir ja.


Die wichtigste Entscheidung seines Lebens  

Da steht er nun, zwischen ausgebrannten Autowracks mitten in der Wüste. SuperSoul hat ihm gesagt, daß alle Welt ihn jagt. Was soll er tun. Wohin? Sie werden ihn doch sowieso finden, die Kosten für die verursachten Schäden präsentieren, ihn einsperren und dann kann er nie wieder fahren. Statt der Weite des Westens die Enge einer Zelle. Die Sache mit Gilda hat er auch vergeigt. Was also tun?  


Super Soul ist bestürzt:

Kowalski rast in Cisco auf die Bulldozer zu. Super Soul spürt es und versucht verzweifelt, ihn zu stoppen. Doch vergeblich, Kowalski fährt weiter.

Als klar ist, daß K sich umgebracht hat, sitzt SuperSoul entgeistert in seinem Studio, starrt blind vor sich hin und beginnt zu begreifen, daß er, der telepathische Führer, Kowalski in Wirklichkeit manipuliert und in den Selbstmord getrieben, daß er aus einer willkommenen Abwechslung am Sonntag Morgen, einer Anekdote aus dem Polizeifunk, erst eine Spielerei und dann ein Drama gemacht hat. Super hat sich von Effekthascherei und Sensationsgier treiben lassen und Unheil angerichtet.


Kowalskis Lebenslauf:

  • Eintritt in die U.S. Army: 1960,
  • Dienst im Vietnamkrieg,
  • Verwundet im Mekong Delta.
  • Ehrenhafte Entlassung aus der Army: 1964,
  • Medal of Honor für Tapferkeit in der Schlacht,
  • Eintritt in die San Diego Police: 1964,
  • Zwei mal befördert, Detective First Class: 1966.
  • Unehrenhafte Entlassung, Vertrauliche Dokumente, nur für autorisiertes Personal zugänglich,
  • Demolition-Derby-Fahrer und Auto-Clown 1967, 1968.
  • Entzug der Fahrerlaubnis 1968, vorher Weigerung, sich einem Alkoholtest zu unterziehen,
  • Gelegenheitsjobs, andere kleinere Tätigkeiten als Fahrer von 1970 bis heute.
  • Weitere Daten: keine.


Der Dicke mit dem Gartenschlauch

Ist er dir auch aufgefallen? Wir hatten damals einen regelrechten Hass auf ihn entwickelt, weil das so albern aussah und der Dramatik der Situation überhaupt nicht gerecht wurde. Der Dicke mit seinem blöden Gartenschlauch hat den ganzen Film kaputt gemacht.

Es ist übrigens Richard Sarafian, der Regisseur. Als die Crew den Film drehte, war es für sie wie ein Party-Trip durch den Westen. Sie hatten Spaß und Sarafian wird froh gewesen sein, daß alles gut geklappt hat. Wie sollte er ahnen, was der Film später mit den Zuschauern macht?

Jetzt kam mir das Lied Kintopp von Keimzeit in den Sinn:

"... Frag ich den Regisseur, sagt er: 'Es tut mir leid,
Das alles ist doch nur zur Unterhaltung gedacht.
Was kann ich dafür, wenn ihr daraus ein Drama macht?' “

Inzwischen spielt das keine Rolle mehr, denn Sarafian starb am 18.9.2013, 83-jährig. Nun sitzt er neben Kowalski im Challenger und beide brettern durch den weiten Westen. Das Radio läuft und Cleavon Little, gestorben 1992, ist ihr Navi (-gator).
Sarafian wollte die Handlung mit dem alternativen Ende als Endlosschleife wie ein Moebiusband. Nun fahren er, Kowalski und SuperSoul ewig auf dem Moebiusband und er hat sein alternatives Ende schließlich doch noch bekommen.